Kopff**k mit Niveau

…ist eine Ansage, ein Versprechen, dass das neue Album des Berliner Multitalents D-Bo (Musiker, Produzent, Labelgründer, Inhaber eines Kleidungslabels, Basketball-Trainer a.D.) einzuhalten weiß. Ich freue mich sehr die Möglichkeit zu haben mit ihm ein paar Worte zu wechseln.

D-Bo //  Foto – Boss Studio, mit Genehmigung des Künstlers

 

Vorab aber noch ein paar Worte zu “Kopff**k mit Niveau” für diejenigen unter euch, die bisher noch nicht in die Doppel-CD reinhören konnten oder in den letzten Monaten nicht in den Genuss eines funktionierenden Internetanschlusses kamen. Es gab nämlich viel Wirbel um das Album noch bevor es überhaupt erhältlich war: da wurde die Veröffentlichung vom Oktober auf den Januar geschoben, die Veröffentlichung der Single dafür vorgezogen und die Reaktionen auf das Musikvideo zu “Dein Herz” führten zu Diskussionen der Netzgemeinde die in endlosen Kommentarschlachten gipfelten und unterm Strich offen legen wie intolerant die deutsche Musikszene und/oder Bevölkerung leider häufig noch ist – keine wirkliche Überraschung, trotzdem traurig.

 

Wenn man sich “Kopff**k mit Niveau” das erste Mal zu Gemüte führt und sich einfach auf die Musik einlässt, die sich wie wenig andere aktuelle Werke anderen Musikstilen öffnet und auf deren stilistische Mittel zurückgreift, wird man neben der hohen Qualität der Produktion selbst in erster Linie von den Texten überrascht.
Es werden klare und ehrliche Worte gefunden für Zustände, Situationen und Konflikte die einem im Leben widerfahren. Das Bild, dass die Texte vermitteln ist dennoch ein sehr positives. Im Gegensatz zu anderen Lyrics des Genres finden viele klare Worte Platz und verdrängen unnötiges “rumgeprolle” das mit Sicherheit für den ein oder anderen Hörer unterhaltsam wäre, aber doch nur selten einen entsprechenden Mehrwert hat. Alles in allem also Niveau auf jeder Ebene: bei den Texten, der Produktion und bei allen beteiligten Künstlern (unter anderem: Max Mostley und Emine Bahar).

Aber genug Review, rein ins Gespräch:

Hi D-Bo!
Seit kurzem ist das Album erhältlich, wie fühlt sich das an? Wie zufrieden bist du damit?

In erster Linie bin ich erleichtert, dass das Ding jetzt erhältlich und alles genau so geworden ist, wie ich mir das gewünscht habe. Das ist ja echt immer ein Krampf, der dir Leib und Seele verspannt, wenn du so viel Zeit, Energie und Liebe in etwas steckst und man hofft, dass alles, was man gibt, einem zurückgegeben wird. Man muss sich das so vorstellen: Evtl. arbeiten 10-20 Personen in verschiedensten Bereichen für solch eine Veröffentlichung. Teilweise über Monate, man selber über Jahre. All diese Zeiten musst du addieren und dann hast du die Gesamtinvestition, die getätigt wurde. Und wenn dann so ein Album gekauft und vielleicht ne Woche aktiv und danach nur noch vereinzelt gehört wird, dann müssen das schon Tausende kaufen, damit Investition und Ertrag in der Waage sind. Glücklich wird man nur, wenn der Ertrag am Ende höher ist. Und das ist die Krux des Ganzen. Nur selten ist heutzutage der gefühlte Ertrag hoch genug, weil wenig Leute tatsächlich kaufen und wenig Leute zu Konzerten kommen. Schade eigentlich…

Die Reaktionen (teilweise schon vor dem Release) gingen stark auseinander und was man manchmal über das Video von “Dein Herz” lesen konnte war unter jeglichem Niveau – wie nimmst du die ganze Diskussion um dein jüngstes Werk wahr und wie stehst du zu der doch sehr intolerant unterlaufenen Musikszene?

Das was sich Menschen herausnehmen, die oftmals in ihrem Leben selbst noch nie etwas Produktives geleistet haben, ist derart unverschämt, dass ich am liebsten so ne Hand ins Internet programmieren würde, die wie in dieser Hornbach-Werbung aus dem Nichts auftaucht und Menschen eine Schelle gibt, wenn sie dämliche Gedanken äußern. Nur weil die Möglichkeit besteht, seinen Senf zu etwas zu geben, bedeutet das nicht, dass man sich dabei keine Mühe mehr geben muss. Früher waren Leserbriefe oftmals Schriftstücke mit grandiosen Argumentationsketten, bewegenden Geschichten und einer Wertschätzung gegenüber Künstlern, egal ob ihr Inhalt positiv oder negativ war. Heute hingegen werden ständig persönliche Vorlieben mit fundierten Argumenten verwechselt. Meinungen, die durch mehr als drei Worte erklärt werden müssen, kann der moderne Internetnutzer gar nicht mehr verarbeiten. Jedes Mal, wenn die Leistungfähigkeit der Maschinen, mit denen wir leben, erweitert wird, wird unsere eigene Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Mehr als ‘Geil!’, ‘Scheiße!’ oder ‘Hurensohn’ bleibt bei vielen nicht mehr hängen. Schade…

In deinen Texten hört man oft (innere) Konflikte heraus – wie viel von dir ganz persönlich steckt in den Songs? Viele Musiker stehen zur therapeutischen Wirkung des Musikmachens, in wiefern trifft das auf dich zu oder nicht?

Ich bin ein guter Geschichten-Erzähler, weil ich alles, was in den Geschichten vorkommt erlebt habe. Manche Geschichten handeln von mir, alle Geschichten sind durch mich beeinflusst. Ich denke, so kann man es am Besten beschreiben.

In “Seltsames Leben” bezeichnest du dich als “irgendwas dazwischen”, irgendetwas zwischen Verlierer und Held. Das klingt noch nicht sehr “angekommen” – wie zufrieden bist du mit dem, was du bisher erreicht hast und wie groß ist der Drang Held zu werden, mehr zu machen, anderes zu machen?

Ich denke, nur junge naive Menschen halten sich für wahre Verlierer oder wahre Helden. Die Zeit wird allen zeigen, dass jeder Mensch ein gewisses Potential hat und du musst dir das aufteilen. Bist du hier und dort besonders gut, wird etwas anderes darunter leiden. Du musst dein Potential nicht ausschöpfen, du kannst auch ein totaler Verweigerer sein, aber dann bist du am Ende halt darin gut. Ich denke, als Baby befindet sich jeder Mensch in seinem Zentrum. Man weiß, wer man ist, wo man hingehört, was man kann und was nicht… Und von da an geht es in alle Richtungen der Extreme immer weiter auseinander, bis man sich am Ende entweder ganz verliert, oder zur Ruhe kommt und wieder in seinem eigenen Zentrum zusammenfällt, sprich stirbt…

Aus rein technischer Sicht: wie gehst du bei der Produktion deiner Musik vor? Geben die Texte die Musik vor oder zimmerst du dir lieber zunächst Beats und Melodien zurecht?

So ein Album ist wie eine Kiste mit einer Million Puzzleteilchen von tausend verschiedenen Puzzeln. Du packst rein und schaust, was du hast. Ein Beat-Stück, ein Text-Stück, ein Artwork-Stück, ein Stilmittel-Stück und alles, was dir gefällt, legst du auf den Tisch. Du suchst dann, was passt und nach und nach nehmen mehrere Puzzle ihre Form an und irgendwann sagst du: “DAS! Das Puzzle ist es, das mache ich fertig!” Und dann suchst du den Rest, bis dein Album fertig ist. Deshalb sollte man sich auch nie eine Deadline setzen. Man weiß nie, ob man rechtzeitig alles findet. Ich habe mir diese Zeit genommen, aber ich kenne auch viele, die zimmern da Teile ins Bild, die gar nicht passen oder lassen einfach Stellen unausgefüllt. Das finde ich schrecklich…

Du bist selbst Produzent – was sind deine Lieblingswerkzeuge, wie sieht dein Workflow aus? Worauf möchtest du im Studio auf keinen Fall mehr verzichten?

Auf meinen Kopf verzichte ich ungerne. Alles andere sind nur Mittel, die bestimmen, wie eingeschränkt man ist. Aber alles was wichtig ist, habe ich im Kopf. Und das reicht eigentlich am Ende auch immer…

Sieht man sich im Internet etwas um findet man dich bei Tumblr, Instagram, Pinterest, Twitter, Youtube, Soundcloud, Google+ und Facebook – du nutzt Soziale Netzwerke, teilweise auch sehr persönlich. Wie wichtig ist das für dich als Künstler, als Kommunikationsmittel aber auch als Inspirationsquelle?

Grundsätzlich will ich erst mal sicher stellen, dass kein anderer Idiot sich meinen Namen auf irgendeiner Plattform sichert, denn wenn diese wichtig wird und du heißt überall anders, dann ist das absolut nervig. Ich finde, hier sollte man auch regeln schaffen, dass zumindest regional bewährte Links wie z.b. www.plattformsowieso.com/dbo37 (was sich bei mir durchgesetzt hat) immer frei bleiben. Jeder Künstler hat seine bestimmte Abkürzung und wird sich auch nicht plötzlich von alleine anders nennen. Aber Privatpersonen, bei denen es egal ist, wie sie heißen, weil diese Grundlage ihr Leben nicht finanziert, können einem da echt scheiß unnötige Probleme bereiten. Und wenn man die Plattformen dann schon mal angemeldet hat, nutzt man sie irgendwie auch. Ich bin meistens dabei, mir so ein Bild von mir selber zu machen. Ich schaue alle zwei drei Monate dann mal nach, was ich eigentlich gepostet habe und merke dann: Ach, da schau an. Du bist ja ein totaler Kate Bush Fan…

Danke für deine bisherigen Antworten, eine letzte Frage bleibt noch: was motiviert dich Musik zu machen und was kannst du jungen Musikern mit auf den Weg geben?

Für mich ganz persönlich ist die Sache einfach: Ich liebe es zu arbeiten und ich liebe es dafür verantwortlich zu sein. Ich liebe es kreativ zu sein und ich liebe es, andere einzubinden oder zu fördern. Sucht man sich ein gutes Umfeld mit netten, kompetenten Menschen, ist es eine erfüllende Sache, macht man es, um Geld zu verdienen, um im Mittelpunkt zu stehen oder um keinen ‘Boss’ zu haben, wird man sicher schwer enttäuscht werden…

D-Bo  //  Foto: Oliver Mensing

D-Bo // Foto: Oliver Mensing

Vielen Dank D-Bo für das Interview und weiter viel Spaß mit deiner Musik!

Musik ist und bleibt glücklicher Weise Geschmackssache, was “Kopff**k mit Niveau” hinterlässt ist neben dem Spiegel den es der deutschen Hip-Hop Szene vorhält wirklich hochwertige und sauber produzierte Musik.